Maryla Rodowicz

Maryla Rodowicz, Singiel in Deutschland

Maryla Rodowicz, Singiel in Deutschland

Als Maryla 13 war, gab es in ihrer Altersklasse in Polen nur zwei Mädchen, die die 80 Meter Hürden schneller liefen als sie. Da rechnete sie sich natürlich eine Chance aus, dereinst für Polen bei den Olympischen Spielen zu starten. Aber weil Mathematik nicht zu ihren starken Seiten zählte, nahmen sie ihre Lehrer und Erzieher aus dem Rennen. Pech? Marylas Vater war Bühnenbildner und Maryla hatte von klein an gemalt und geschnitzt. Da schien ein Weg über die Akademie der schönen Künste in Warschau möglich – doch für Maryla war kein Studienplatz übrig. Schließlich wollte sie Heilgymnastin werden und ging zur Akademie für Körperkultur in die Hauptstadt. Und ihre Gitarre war im Gepäck.

Maryla Rodowicz, Marja auf Deutsch

Maryla Rodowicz, Marja auf Deutsch

Marylas Mutter hatte ihre Tochter schon früh zum Kinderballett und zum Geigenunterricht geschickt. Der Zahn der Zeit Anfang der 1960er Jahre brachte die Gitarre ins Spiel. Maryla sang im Freundeskreis, im Studentenklub, scharte Musikanten und Dichter um sich. Was als Freizeitgestaltung begonnen hatte, wurde unversehens zur Arbeit, gewann Niveau und gedieh zur Kunst.

„Ich liebe Chansons, die es den Menschen ermöglichen, sich der Schönheit des Lebens be-wusst zu werden, und Balladen über kleine Dinge, die ebenfalls unsere Gegenwart zum Aus-druck bringen.“ So formulierte Maryla Rodowicz Ihr künstlerisches Anliegen später Mitte der 70er Jahre.

Nach ersten Preisen beim Zentralen Wettbewerb junger Talente 1962 in Szczecin und bei der Estrade des Studentenliedes in Czestochowa lockte sie der Sieg beim Festival des Studentenliedes in Kraków 1967 endgültig vom Pfad der Heilgymnastik und ihre Karriere in Polen begann. 1968-1971 folgten Preise in Sotschi (UdSSR) und beim Festival des polni-schen Liedes in Opole. Sie war bereits beliebteste polnische Rund funkinterpretin, als sie 1973 den „Grand Prix du Disque“, den Hauptpreis des Internationalen Liederfestivals in Sopot zu-sammen mit dem Publikumspreis in Empfang nehmen konnte. Viele weitere Ehrungen sollten folgen. am-4-m-225x224

Längere Auslandsgastspiele u.a. in der Sowjetunion, der ČSSR und England halfen ihr, den eigenen unverwechselbaren Stil zu prägen. In der DDR entstanden erste deutschsprachige Aufnahmen ihrer polnischen Hits: Kleine Eisenbahnballade (Ballada wagonowa), Der Teufel sitzt vorm Paradies (Diabeł i raj), Es zieht ein Lied durchs Land (Powołanie), Und es fahren bunte Wagen (Jadą wozy kolorowe) und schließlich Marja (Małgośka). Sie gewann den Preis des Ministers für Kultur für ihren erfolg-reichen Auftritt im „Schlagerstudio“, einer Hitparade des DDR-Fernsehens. Nachdem sie bereits 1969 mit einem englischen Titel bei Radio Luxemburg aufgetreten war, gastierte sie mehrfach in der Bundesrepublik Deutschland, u.a. in der „Aktuellen Schaubude“ des Nord¬deutschen Rundfunks. 

Die DDR-Plattenfirma Amiga veröffentlichte 1974 eine LP mit 10 Songs mit Maryla Rodo-wicz, davon sechs deutsche Aufnahmen von polnischen Katarzyna-Gaertner-Hits und ein neuer polnischer Song aus der Feder Czesław Niemens. Bis 1978 kamen weitere 13 Songs in deutscher Sprache auf Amiga-Singles bzw. -Samplern hinzu. Die Wahl des Polen Karol Wojtyła 1978 zum Papst und die späteren Aktivitäten der polni-schen Gewerkschaft Solidarność führten in der DDR auf kulturellem Gebiet zu einer weitge-henden Ausgrenzung polnischer Künstler. Ob Maryla Rodowicz, ob Rote Gitarren, Czesław Niemen oder Skaldowie – es gab nach 1980 keine DDR-Plattenveröffentlichungen mit polni-schen Künstlern mehr.

Maryla Rodowicz hatte nach 1980 nur noch vereinzelt die Möglichkeit, in der DDR Konzerte zu geben und Aufnahmen zu produzieren. DDR-Rundfunkaufnahmen ihrer damaligen polni-schen Hits wie „Steig in den Zug“ (Remedium, 1978), „Ihr Tauben dieser Welt“ (Gołębi-Song, 1983) oder „Gute Nacht, meine Herren“ (Dobranec panowie, 1986) verschwanden kaum gespielt in den Rundfunkarchiven. 1987 trat Maryla Rodowicz noch einmal live mit zwei Titeln in einer Chansonsendung der Sängerin Gisela May („Pfundgrube“) im Fernsehen der DDR auf.

am-3-m-225x224

Die politische Wende in Deutschland 1989/1990 hatte zunächst eine Dominanz westlicher Unterhaltungskünstler auch im Osten des Landes zur Folge. Ostdeutsche Künstler wurden von den Medien und zum Teil auch vom Publikum gemieden – bekannte Interpreten aus Polen, der früheren Sowjetunion, Bulgarien, Rumänien oder Ungarn hatten in ihren Ländern wohl ähnli¬che Probleme und kaum eine Chance, in Deutschland auftreten zu können. Erst 1997 rief das MDR-Fernsehen die Sendung „Wiedersehen macht Freude“ mit dem Ziel ins Leben, einst in der DDR populäre Künstler wieder auf dem Bildschirm präsent werden zu lassen. Maryla Rodowicz war eine der ersten. Ebenfalls 1997 wurden von MDR und dem damaligen ORB ein halbstündiges Interview mit Liveauftritt von Maryla Rodowicz und ein 90-minütiger Report über aktuelle Projekte polnischer Unterhaltungskünstler wie Maryla Rodowicz, Urszula Sipińska, Elżbieta Dmoch (2+1), Seweryn Krajewski (früher Rote Gitarren), Zdzisława Sośnicka oder Halina Frąckowiak produziert. Eine nachhaltige Wirkung blieb aber aus. Im Gegensatz zu den 70er Jahren in der DDR hat es im vereinten Deutschland anspruchsvolle und nicht im rein kommerziellen Interesse produzierte Musik schwer, eine Chance zur Präsentation und damit Gehör zu finden.

Maryla Rodowicz überzeugte ab Mitte der 90er Jahre in Polen wieder mit neuen CDs, egal ob in Warschau oder London produziert. Zu ihren Stärken zählen nach wie vor tiefgründige Pop-Balladen, aber auch mit der Neubearbeitung von Latino-Rhythmen (CD „Karnawał 2000“) oder polnischer Volksweisen (CD „Marysia biesiadna“) feierte sie neue Erfolge und gehört nach wie vor zur Spitze beim östlichen Nachbarn Deutschlands. Mit zwei Doppelalben „Tri-bute to Agnieszka Osiecka“ setzte sie der in Polen bekannten Textautorin ein Denkmal. Ab Ende 2002 stellte Maryla Rodowicz in Konzerten Songs ihrer aktuellen CD „Życie ładna rzecz“ vor, darunter die erste Auskopplung „Marusia“ und eine Neuaufnahme von „Nie ma jak pompa“ (Uralte Filme). Die meisten Songs dazu schrieb Seweryn Krajewski. 2003 gab Maryla ein umjubeltes Konzert in Oberhausen (Deutschland), 2004 trat sie erfolgreich in Tschechien und St. Petersburg (Russland) auf, 2005 in Moskau, 2006 u.a. in Chicago (USA), Vilnius (Litauen) und Malta und 2013 in Kiew (Ukraine) – und dazwischen immer wieder in ihrem Heimatland Polen: Sopot, Opole, Warschau und all die großen und kleinen Orte im Land.

2007 kam in Deutschland die CD „Maryla Rodowicz – Die großen Erfolge“ mit 17 ihrer deutschsprachigen Lieder der 1970er Jahre heraus. In Polen produzierte sie die CDs „Jest cudnie“ (2008) und „50“ (2010), letztere mit Liedern der 1950er Jahre. 2012-2013 erschien die Anthologie Maryla Rodowiczs, eine ausführliche CD-Sammlung ihrer Produktionen und Veröffentlichungen mit vielen Raritäten. Ebenfalls 2013 veröffentlicht: Die neue Biografie Marylas „Wariatka tanczy“.

Der Fan-Kult um Maryla Rodowicz in Polen hat einen Namen: Marylomania. Marylomania gibt es seit 1999. Mit Hilfe dieses Internetauftrittes wurde 2000 ein Konzert Marylas aus den USA übertragen.

2001 entstand der Service www.marylarodowicz.pl In Marylomania gab es eine spezielle Version des Songs „Kolorowe jarmarki“ für Karol Wojtyła, den polnischen Papst.
2003 besuchte Marylomania Marylas Mutter in Włocławek zu einem Interview.
2004 wird Agnieszka Kowalska neue Webmasterin. Es entsteht ein deutscher Teil von Marylomania und ein Kontakt zu www.ostmusik.de.
2005 entsteht über Marylomania eine limitierte CD „Träum´ deinen Traum“ mit 13 deutschen Aufnahmen. Der Titel „Komm, auf zum Ball“ (Niech zyje bal) wird präsentiert.
2007 erscheint das Buch „Es brennt der Wald – Die Rockszene im Ostblock“ beim Verlag Neues Leben, Berlin (ISBN 9783355017374).
2012 Das Archiv von Marylomania wird digitalisiert.
2014 Eine neue Internetpräsenz von Marylomania.pl entsteht.

Bearbeitet von Heinz Hafernkorn (dział niemiecki)